Valgykla

01.06.2009 Autor: Helmut Agnesson

Wer sich in Litauen aufhält, begegnet häufig der Beschriftung “Valgykla” an einem Haus. Das Wörterbuch bietet für diesen Begriff verschiedene Übersetzungen an, unter anderem finden sich Gaststätte, Speisehaus, Mensa und Kantine als Vorschläge.
Jede dieser Übersetzungen ist im Prinzip richtig, keine entspricht aber der exakten Bedeutung des litauischen Wortes.

Im Litauischen kann eine Valgykla einerseits die Mensa einer Universität oder Schule ebenso bezeichnen wie die Kantine eines Unternehmens. Der Speiseraum in einem Hotel wird überwiegend mit anderen Begriffen bezeichnet, obgleich Valgykla durchaus möglich ist und gelegentlich zur Anwendung kommt. Daneben gibt es aber auch die Valgykla als eigenständigen Typ eines Restaurants.
Gebildet ist das Wort aus dem Verb “valgyti”, was “essen” bedeutet, und dem Suffix “-kla”, welches einen Ort angibt, an dem etwas geschieht. Der Plural lautet “Valgyklos”.

Die Valgykla als Restaurant
Eine Valgykla ist dadurch gekennzeichnet, dass sie gutes Essen günstig anbietet. Der Gast erwartet dort keine umfangreiche Speisekarte, sondern hat die Auswahl zwischen wenigen Gerichten, neben denen Kleinigkeiten wie belegte Brote angeboten werden. Die Speisekarte wechselt täglich, so dass die Valgykla durchaus mit einer öffentlichen Kantine vergleichbar ist. Häufig gehört zur Speisekarte ein tägliches fleischfreies Gericht, am Freitag wird dem hohen Anteil der Katholiken an der Bevölkerung entsprechend fast überall Fisch angeboten. Getränke mit und ohne Alkohol werden verkauft, oft sind an der Kasse einige Süßwaren erhältlich.
Es besteht grundsätzlich Selbstbedienung, ebenso sollte das Tablett mit dem schmutzigen Geschirr und Besteck abgegeben werden.
Die Öffnungszeiten einer Valgykla können sehr unterschiedlich sein, einige dieser Restaurants sind nur über Mittag geöffnet, während andere ihre Kunden ganztägig willkommen heißen.
In nahezu jeder Valgykla finden sich lange Tische, an denen viele Kunden Platz finden. Der Wunsch vieler Gäste, auch in kleineren Gruppen einen eigenen Tisch belegen zu können, hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass vermehrt Tische für vier oder sechs Personen eingerichtet wurden.
Die Verweildauer eines Kunden in der Valgykla ist in der Regel kurz, zumeist geht er gleich nach dem Einnehmen der Mahlzeit. Ein sehr langes Verbleiben vieler Kunden im Restaurant ist für die übliche Kalkulation nicht wünschenswert, da der Inhaber nicht zuletzt dadurch Geld verdient, dass er viele Kunden in relativ kurzer Zeit beköstigt. Aus diesem Grund ist die Einrichtung zumeist sehr einfach gehalten.

Die Zielgruppe einer Valgykla
Eine Valgykla richtet sich in erster Linie an Menschen, die in ihrer Mittagspause oder während eines Stadtbummels schnell und preiswert essen möchten. Touristen bilden nicht die ursprüngliche Zielgruppe dieser speziellen Form eines Restaurants, dennoch ist ein Besuch sehr zu empfehlen, da dort wirklich landestypische Speisen in einem für Litauen typischen Ambiente gereicht werden. Es darf allerdings weder eine Speisekarte in deutscher oder englischer Sprache noch die Akzeptanz von Euro-Scheinen als Zahlungsmittel als selbstverständlich erwartet werden. Gelegentlich findet sich dieser Service, zumal vornehmlich Rucksackreisende die Valgykla als eine ideale Möglichkeit zur preiswerten Nahrungsaufnahme entdeckt haben. In einigen Städten hat dieser Trend zu der fast schon kuriosen Erscheinung geführt, dass sich auch Restaurants als Valgykla bezeichnen, die dem ursprünglichen Grundgedanken nicht entsprechen. Erkennbar sind diese Nachahmungen in der Regel daran, dass sie fast nur von Touristen besucht werden und häufig keine Selbstbedienung kennen.


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